brauckmann klInterview-Reihe

»Professionelle Kirchenmusik ist kein Luxus!«

Christopher Brauckmann / Iserlohn über Kooperationsmöglichkeiten in der Kirchenmusiker-Praxis. Mit ihm sprach Anne Temmen-Bracht.

Herr Brauckmann, warum wird man als junger Mensch heutzutage Organist und/oder Kirchenmusiker? Was fasziniert Sie an diesem Beruf?

Die Orgel ist natürlich ein äußerst faszinierendes Instrument. Wenn man als junger Mensch das Glück hat, mit einem guten Instrument in Berührung zu kommen, lässt es einen eigentlich nicht mehr los. Mich selbst haben aber die große Freude an der Chorarbeit und überhaupt der unermessliche Facettenreichtum des Kirchenmusikerberufs am meisten motiviert, nach dem Abitur das Musikstudium aufzunehmen.

Sie sagten, dass Kirchenmusiker oft „Einzelkämpfer“ sind. Was kann daran schwierig sein?

Während des Studiums kommt man mit ganz vielen interessanten Fachleuten und natürlich mit wahnsinnig viel Musik, teilweise auf sehr hohem Niveau, in Berührung. Tritt man aus diesem Umfeld heraus, muss man zunächst einmal um Verständnis werben für das eigene Tun. Oft genug wurde und werde ich gefragt: „Kirchenmusik, das kann man studieren?“ Zu erklären, was es damit auf sich hat und immer wieder zu überzeugen, dass professionelle Kirchenmusik kein Luxus ist, sondern ganz entscheidend zur kulturellen und auch geistlichen Lebendigkeit von Kirche beiträgt, kostet einiges an Kraft.

Denken Sie, dass in Hochschulen die Studenten angemessen auf den Beruf als Kirchenmusiker vorbereitet werden?

Zunächst einmal finde ich es gut und richtig, dass das Kirchenmusikstudium in erster Linie ein künstlerisches Studium ist. Die Fülle an wöchentlichem Unterricht in Orgelliteratur, Improvisation, Chorleitung, Orchesterdirigeren, Gesang, Klavier usw. ist enorm, trägt aber maßgeblich dazu bei, dass man nach dem Studium den musikalischen Weitblick vorweisen kann, der für eine Stelle vor Ort unerlässlich ist.

Das Berufsbild hat sich in den letzten Jahren jedoch sehr stark gewandelt. Musikalisch spielt heute die Popularmusik eine sehr wichtige Rolle, auch mit einem gewachsenen Anspruch an deren Qualität. Und Kirchenmusiker arbeiten nur noch im Ausnahmefall an einer einzigen Kirche, sodass organisatorische und vermittelnde Aufgaben stark zugenommen haben. Auf diese Entwicklung sind die Hochschulen aus meiner Sicht noch nicht genügend eingegangen.

Gibt es gravierende Unterschiede von Hochschulleben und Berufsalltag? Im Verbund-Treffen sprachen Sie davon, dass ein Kirchenmusiker heute nicht „nur“ Organist/Chorleiter ist, sondern auch Vermittler, Moderator etc. sein muss...

Ich habe ja vorhin schon einige Unterschiede genannt. In meinem Fall hebt sich der Berufsalltag aber noch einmal verstärkt von den Studienerfahrungen hab. Als Dekanatskirchenmusiker besteht schließlich nur die Hälfte meiner Aufgaben aus den klassischen Tätigkeiten in der Kirchengemeinde. Das Unterrichten in der C-Ausbildung, die Weiterbildung von fachfremden Personen (z.B. Diakone, Lektoren, Wort-Gottes-Feier-LeiterInnen o.ä.), die überregionale Teamarbeit mit anderen Kollegen und das Erstellen von neuen Konzepten für veränderte kirchliche Rahmenbedingungen sind nur einige Beispiele. Ich könnte diese Liste fast endlos erweitern…

Wo haben Sie selber das gelernt?

Natürlich gibt es Dinge, die man sich sehr gut bei erfahrenen Kolleginnen oder Kollegen abgucken kann. Das meiste aber habe ich einfach durchs selber tun gelernt.

In unserem letzten Verbund-Treffen berichteten Sie über eine gute Kooperation von 3 Kirchenmusikern innerhalb Iserlohn. Wie sieht diese Kooperation konkret aus?

Ein sichtbares Zeichen der Ökumene ist das gemeinsam herausgegebene Jahresprogramm der Kantoren Ute und Hanns-Peter Springer und mir, in dem die kirchenmusikalischen Highlights des Jahres vorgestellt werden. In der örtlichen Presse sind wir oft gemeinsam präsent. Und natürlich musizieren wir auch miteinander! Im letzten Jahr gab es z.B. einen ökumenischen Ferienchor, einen Auftritt als ökumenisches Vokalensemble und eine gemeinsame Orgelfahrt ins Sauerland.

Darüber hinaus kooperieren wir mit Herrn Dr. Wolfgang Besler, dessen „Märkischer Motettenkreis“ ein gewichtiger Kulturträger in der Stadt ist. Auch mit dem Leiter der örtlichen Musikschule, Paul Breidenstein, besteht eine gute Zusammenarbeit. Alle genannten Personen treffen sich mindestens zweimal im Jahr zum Austausch und zur gegenseitigen Abstimmung.

Wie kam es zu solch einer Zusammenarbeit?

Die habe ich von meinem Vorgänger „geerbt“, der im Jahr 2008 nach vielen Jahren der Vakanz als erster hauptamtlicher katholischer Kirchenmusiker nach Iserlohn kam. Ich bin natürlich sehr glücklich darüber, dass die o.g. Kollegen, vor allem Hanns-Peter Springer, mit dem ich am meisten zusammenarbeite, auch mich sehr freundlich aufgenommen haben und ein sehr verbindliches, kollegiales und konstruktives Miteinander herrscht.

Sie haben in Iserlohn eine interessante Konzertreihe: „Orgelbank-Tausch“. Was verbirgt sich dahinter?

Der Orgelbank-Tausch ist momentan noch keine Reihe, aber in diesem Jahr eines dieser sichtbaren ökumenischen Zeichen. Hanns-Peter Springer und ich wechseln sozusagen die Arbeitsplätze. Ich bin schon gespannt, denn die Schuke-Orgel in der Obersten Stadtkirche hat kürzlich eine neue Setzeranlage und einige Erweiterungen bekommen. Ein ähnliches Format, der „ökumenische Orgel-Spaziergang“, hat vor ein paar Jahren schon einmal großes Interesse geweckt.

Hat Ihre Kooperation irgendeinen Einfluss auf die Besucherzahlen in Konzerten?

Ja, das kann man so sagen. Natürlich haben wir in Iserlohn, so wie auch an vielen anderen Orten, längst nicht immer volle Kirchen oder Säle. Aber es gibt ein interessiertes Publikum, das gerade die konfessionsübergreifenden Angebote schätzt und diese Wertschätzung durch regelmäßigen Besuch zum Ausdruck bringt. Das empfinde ich als großen Gewinn.

Haben Sie ein Stamm-Publikum?

Das ist unterschiedlich. Für die sog. „Marktmusiken“ in der Fußgängerzone oder auch die Kammermusikreihe „Sommerklänge“ in unserem Forum ist das sicherlich so. Die genannten Reihen sind allerdings recht offene Veranstaltungen, die maximal eine Stunde dauern. Bei Orgelkonzerten sieht das leider anders aus. Das liegt aber in meiner Kirche u.a. an der miserablen Instrumenten-Situation.

Sie haben in unserem Verbund-Treffen den lustigen Ausdruck „Musikalische Selbsthilfe-Gruppe“ benutzt. Was meinen Sie damit?

Damit scherzen wir gelegentlich im Kollegenkreis, wenn mal wieder deutlich wird, dass wir Kirchenmusiker, egal an welchem Ort und egal mit welcher Spezialisierung, doch letztlich alle die gleichen Probleme haben. Aber, um nicht so pessimistisch zu enden, es gibt auch viele schöne Momente in unserem Beruf, an denen wir uns dann gegenseitig erfreuen können!

Herr Brauckmann, ich danke Ihnen für das Gespräch!