Church2Die perfekte Mischung aller Register finden

Was macht eigentlich ein Musikproduzent? Anne Temmen-Bracht, Projektleiterin des Orgelverbunds Westfalen, im Gespräch mit Christoph Schulz, MUSICOM

Christoph Schulz ist im Bereich "Sound Engineering Arts“ als Visiting Associate Professor der Universität Tartu (Estland) und ebenfalls als Gastprofessor an der Lettischen Musikakademie Jāzeps Vītols (Riga, Lettland) tätig. Er ist Gründer und Geschäftsführer des Musiklabels MUSICOM, das seit über 25 Jahren in den Bereichen Klassik-, Jazz- und Kinderproduktionen einen Namen hat.

 

 

Herr Schulz, Sie haben etliche bekannte Organisten produziert: Prof. Tomasz A. Nowak hat bei Ihnen u.a. das Bach-Gesamtwerk eingespielt und der verstorbene Winfried Berger das Messiaen-Gesamtwerk. Was interessiert Sie an der Orgel und an Orgelproduktion?
Die Orgel deckt das größtmögliche Frequenzspektrum ab, was man bei Instrumenten aufnehmen kann. Eine Orgel aufzunehmen sprengt eigentlich die Möglichkeiten einer traditionellen CD, weil der Frequenzumfang größer ist, als die CD darstellen kann (20Hz bis 20 kHz). Ein bisschen wie bei einem großen Orchester. Ein tiefer 32´der Orgel hat beispielsweise eine Grundfrequenz von ca. 16Hz. Die Wellenlänge von 16Hz, einem Subkontra C, beträgt schon 20 Meter! Der 32´Fuß braucht also eine große Kirche, um sich entfalten zu können. Die Orgelaufnahme ist somit auch eine der Königsdisziplinen der Ton-Produktion. Sie stellt höchste Ansprüche an Aufnahme und Technik.
Eine Orgelaufnahme ist trotzdem angenehmer als eine Orchesterproduktion, weil die Orgel fest im Raum steht. Man kann sie in Ruhe akustisch vermessen, die Mikrofonierung aufbauen und hat Zeit, sich mit der akustischen Architektur des Raumes vertraut zu machen.
In der Kirche/im Konzertsaal gibt es zudem meistens einen Ort, der die perfekte Mischung aller Register gewährleistet. Diesen Punkt zu finden ist sehr interessant! Die Suche nach der Perfektion sozusagen ...
Man kann aber auch verschiedene „Werke“ der Orgel mit Stützmikrofonen aufnehmen. Hinterher im Studio ergeben sich dann Differenzierungsmöglichkeiten, die z. B. Einschränkungen durch die Kirchenakustik wett machen können oder eine interpretatorische Ausdeutung der Komposition durch Hervorheben bestimmter Klanganteile in der Mischung erlauben.

Wie man in dem Sampling-Video sieht, samplen Sie Orgeln. Eine provokative Frage: wozu braucht man das? Alle Organisten sind froh, wenn „ihre“ richtigen Orgeln in den Kirchen genutzt und erhalten werden…?
Ich habe festgestellt, dass besonders Organisten sehr daran interessiert sind, wie welche Orgel klingt! Die Software-Firma Hauptwerk zum Beispiel samplet berühmte Orgeln der ganzen Welt. [Sampling (Musik): „die musikalische Neuverarbeitung konservierter Töne“, Quelle: Wikipedia.]
Man kann damit sozusagen bequem von zuhause die Orgel einer berühmten Kathedrale selber spielen. Eine gesamplete Orgel soll und kann ja eine „richtige“ Orgel nicht substituieren, sondern soll Orgeln prinzipiell im Computer verfügbar machen. Beispielsweise kann man Registrierungen vorher ausprobieren, ohne dass man selbst an der Orgel gewesen ist. Das kann unter Umständen dem Organisten Zeit sparen, weil er von zuhause vorarbeiten kann. Die jeweiligen Spieltische werden zudem fotografiert, animiert und als Bedienoberfläche auf dem Monitor nutzbar gemacht. Das ist sehr spannend! Im Bereich der Musikproduktion gibt es durchaus Bedarf, gerade bei Filmmusik. Der ganze Sample-Satz ist zudem unabhängig von Stimmung und Intonation. Eine gesamplete Orgel eignet sich zudem gut für pädagogische Zwecke. Die „Faszination Orgel“ ist im Internet dadurch schön darstellbar. Man kann eine Brücke schlagen für die Zuhörer und Orgel-Interessierten.

Kann man eine gesamplete Orgel für eine Musikproduktion nutzen?
Man könnte es natürlich. Allerdings würde kein seriöser Tonmeister eine Sample-Orgel für eine CD-Produktion nutzen! Denn, neben allen bisher genannten Aspekten, besteht die eigentliche Arbeit des Tonmeisters darin, mit der/dem Organistin/en an der bestmöglichen Interpretation eines Werkes an einer bestimmten Orgel in einem bestimmten Raum zu arbeiten. Das bedeutet, dass man ggfs. Registrierungen überdenkt, weil sie in der Aufnahme nicht so gut klingen wie vorher gedacht, dass man Tempi korrigiert, wenn die Akustik den beabsichtigten Effekt nicht mitträgt, oder die Traktur Geräusche produziert, und eine Neupositionierung von Stützmikrofonen nötig macht etc.

Die Orgel hat ein nicht so populäres Image wie beispielsweise das Klavier. Hätten Sie eine Idee, wie man das ändern könnte?
Gute Keyboard-Firmen wie Yamaha und Roland bauen Orgel-Samples in ihre Instrumente ein. Inzwischen ist die Technik weit genug entwickelt, um diese „Sounds“ in sehr guter Qualität z.B. in Digitalpianos einzubauen. Und die Leute, die das spielen, sind fasziniert von dem Klang und assoziieren Orgel = gut! Es ist ja Vielen, wie auch mir, ein Anliegen, die Orgel von ihrem oft unzugänglichen, verschlossenen Thron herunterzuholen und den Leuten zugänglich zu machen. In Filmen werden zum Beispiel nicht nur Orchestersounds verwendet, sondern auch Orgelsounds.

Spielen neue Medien da auch eine Rolle?
Ja, durchaus. Man kann eine Auswahl von Registrierungen einer Orgel samplen, als App für Tablet-Computer und PCs verfügbar machen, oder ganze Tonaufnahmen abspielen lassen. Außerdem gibt es auch virtuelle Führungen durch Kirchen mit ihrem Inventar, wozu zweifellos auch die Orgeln gehören. Wir arbeiten gerade an einer kombinierten Buch/E-Book-Veröffentlichung für Kinder mit dem Erfolgsautor Felix Janosa (Ritter Rost), bei der die Orgel im Mittelpunkt steht. Kinder sollen die Klänge der Orgel auf dem iPad spielend ausprobieren können!

Sie gestalten selber Konzerte mit (Lichtinstallationen, Technik-Effekte u.a.). Was interessiert Sie am Klang-Raum Kirche?
Natürlich die Größe der Kirche und deren individuelle Architektur. Die Kirche bietet generell einen wunderbaren Resonanzkörper gerade für tiefe Frequenzen. Diese entfalten sich dort optimal, überlagern und verstärken sich. Die Kirche ist der Resonanzkörper für die Orgel. Deswegen klingen Besonderheiten wie die Freiluft-Orgel in Kufstein auch ganz anders, weil eben kein Resonanzkörper da ist. Eine gotische Architektur ist zum Beispiel optimal für Mixturen. Das wissen natürlich auch die Orgelbauer und berücksichtigen diese Aspekte beim Bau einer Orgel. Und da jede Kirche anders ist, ist auch jede Orgel anders, nämlich auf den jeweiligen Raum zugeschnitten. Eine romanische Hallenkirche klingt anders als eine gotische Kathedrale. Deshalb ist ja eine gute Intonation einer Orgel so wichtig. Orgelbauer und Tonmeister könnten da gut kooperieren...Der Orgelbauer hört und verändert und der Tonmeister nimmt wahr und hält auf einer Aufnahme fest, worauf der Orgelbauer wieder reagieren könnte...

Was interessiert Sie an außergewöhnlichen Konzepten?
Die Firma MUSICOM produziert seit einigen Jahren Bücher mit CD, eine Reihe, die wir Sounds & Landscapes genannt haben. Hierbei geht es darum, ein Orgel-touristisches Interesse zu wecken. Eine Kirche ist immer auch von gesellschaftlicher Bedeutung. Die Menschen haben ein mehrfaches Interesse, sich der Kirche und damit eventuell auch der Orgel zu nähern. Hier gibt es natürlich das kunsthistorische Interesse, das kirchengeschichtliche und das architektonische. Mit den gotischen Kathedralen sind auch die Orgeln in die Höhe gewachsen, der optische Schmuck und der Glanz spielten eine Rolle. Die Faktoren Instrument, Raum und Ort interessieren uns da besonders. Sound & Landscapes zeigt Musik und Fotografie. Ich arbeite da eng mit dem Fotografen Johannes Kalsow zusammen, der dafür sorgt, dass auch schon mal ungewöhnliche Perspektiven auf Raum und Instrument geworfen werden. Die akustischen, optischen und geschichtlichen Gestalten werden durch diese Bücher und CDs transportiert. Auf Norderney und Pellworm haben wir Geschichten festgehalten, wie die Orgeln auf die Inseln kamen.

Herr Schulz, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

 Hier ein Abbildung eines Samples des Tones c’, gespielt mit Gemshorn 4’-Register (gelbe Kurve)  und Waldflöte 2’ Register (pinkfarbene Kurve):Harmonische von GemshornWaldflo te  

Hier finden Sie einige Hörbeispiele zum Thema Orgel aus der Arbeit von Herrn Schulz:

Orgel-Sampling

Orgelproduktion auf Helgoland

Inspiration Norderney

 

Die Bücher + CDs zum Thema "Sounds and Landscapes" finden Sie im MUSICOM-Onlineshop.

MUSICOM-Onlineshop