Matthias Rietschel blgInterview-Reihe: Besondere Nachwuchsförderung in der Region

Zuhören lässt sich neu lernen

Der freischaffende Musiker Matthias Rietschel hat ein Übe-Haus gegründet, das mittlerweile internationale Beachtung findet. Mit ihm sprach Anne Temmen-Bracht, Projektleiterin des Orgelverbundes.

Herr Rietschel, Sie wohnen in Dortmund und arbeiten in verschiedenen Projekten zur musikalischen Früh-Förderung von Kindern. Uns interessiert natürlich besonders die Nachwuchsförderung an der Orgel. Wie kann man Kinder und Jugendliche für ein Instrument oder speziell für Orgel begeistern?

Jede Pfeife hat ihren eigenen Ton; wenn die Kinder das verstanden haben, möchten sie gerne jede Pfeife ausprobieren. Ausprobieren heißt in diesem Falle, die Kinder auch einmal selber mit dem eigenen Mund in eine Pfeife blasen zu lassen. Kinder erreichen wir dadurch besser, indem sie selber probieren dürfen und nicht nur Zuhörende sind.

Sie haben in Essen-Kray ein Übe-Haus gegründet. Warum in Essen?

Ich habe mich vor acht Jahren mit meiner musikpädagogischen Arbeit auf den Essener Stadtteil Kray konzentriert. Ich habe mit den Zweijährigen in der KITA vor Ort angefangen, um mit ihnen dann zusammen in die Grundschule zu wechseln. Somit haben wir die Möglichkeit über acht Jahre hinweg zusammen zu arbeiten. Als wir mit der Familie seinerzeit ins Ruhrgebiet gezogen sind wurde mir Kray empfohlen, weil hier sehr aufgeschlossene Einrichtungen sind, was Musik betrifft. Das hat sich bewahrheitet. 

Lässt sich das Essener Modell auch auf andere Bezirke/ Städte übertragen?

Das Übehaus Kray funktioniert im Moment nur deshalb so gut, weil ich einige Kinder schon seit der KITA Zeit kenne und Ihre ersten Schritte beim Erlernen eines Instrumentes begleiten konnte. Weiterhin habe ich inzwischen gute und vertrauensvolle Kontakte zu den Kollegien der drei Grundschulen aus denen die Kinder kommen. Auch der ständige und persönliche Austausch mit den InstrumentalpädagogInnen ist essentiell wichtig. Über die Schulen und von den Kolleginnen erfahre ich doch, wer im Übehaus aufgenommen werden sollte. Ein Übehaus braucht eine Erdung in den Stadtteil hinein und kann meiner Erfahrung nicht einfach so von außen gegründet werden.

Sie sind von Haus aus Cellist. Die „normale“ Cello-Laufbahn führt in den Musikschul-/ Privatunterricht und ins Orchester. Wie kamen Sie darauf, Projekte für und mit Kindern zu machen?

Mir ist immer wieder der schlechte Unterricht vor allem in zu vielen Grundschulen aufgefallen. Da sitzen interessierte Kinder und wollen etwas lernen und der Unterricht wird ihnen nicht gerecht. Als ich noch beim Bayerischen Kammerorchester tätig war, haben wir oft Generalproben vor Konzerten in Schulen gemacht. Das ist bei den Kindern sehr gut angekommen, die waren aufmerksam und gespannt. Nur waren sie immer so enttäuscht, wenn die Proben einmalig und dann vorbei waren. Mein Wunsch ist es, die Ausbildung der Kinder zu verbessern. Kinder brauchen Stille und lieben sie. Nur in der Arbeit mit der Stille können sich Ohren sozusagen wieder neu justieren, man kann seine eigene Stereo-Fähigkeit wieder neu entdecken. Das will ich fördern! Eltern sind da oft so konditioniert…

Was machen Sie genau? Was kann man sich als Interessent darunter vorstellen?

Ich nehme die Offenheit der Kinder auf und fördere sie, indem ich ihnen live-Musik anbiete. Bei uns kommt nichts aus der Konserve, ich habe in all den Jahren, wo ich mit Kindern arbeite, noch nie einen CD-Player benutzt! Wir machen alles selber, bauen eigene Instrumente, machen Klang erfahrbar mit allen Sinnen, nicht nur mit den Ohren. Das ist sehr spannend, da die Kinder immer wieder neue Fragen bringen. Wichtig ist aber eine Regelmäßigkeit in der Arbeit. Bei uns ist das ein Mal in der Woche im Rahmen der Schule und der Kindergärten im JeKITS-Programm. Wir fangen mit unserer Arbeit in den Kitas an und gehen dann mit den Kindern in die Grundschulen.

Haben die Projekte einen Namen?

„Musikwerkstatt“ heißt das Projekt. Und dort gibt es klare Aufgabenverteilungen, z.B. übernehmen die Kinder selber eine Moderation in einem Konzert.

Für Ihre Kinder-Jugendprojekte haben Sie in Essen ein „Übe-Haus“ gegründet, damit Kinder und Jugendliche üben können. Wie wird diese Arbeit gefördert, haben Sie Sponsoren, die Ihre Arbeit unterstützen?

Letztendlich hatte ich damals diese Idee vom Übe-Haus. Mein Projekt habe ich Politikern und Sponsoren vorgestellt und diese auch eingeladen, damit sie selber sehen und hören konnten, was wir machen. Das hat viele überzeugt und so bekam ich sogar Spenden, um die ich gar nicht explizit gebeten hatte. Die Stadt Essen unterstützt unser Projekt zum Beispiel. Aber noch weitere Unterstützungen stehen aus.

Ihre Arbeit führt Sie u.a. auch in die Essener-Philharmonie, in der Sie seit einigen Jahren regelmäßig Kinderkonzerte machen. Wer gestaltet diese Konzerte mit – Profis und Kinder gemeinsam?

Ja, Profis mit den Kindern gemeinsam. Die Essener Philharmonie mit Kindergärten. Wir vergeben Kompositionsaufträge, in denen Komponisten Sätze schreiben für Orchester und Kinderchor, einfache Melodien, die die Kinder gut erfassen können. Die Kinder verstehen es sehr wohl, wenn ein Komponist etwas speziell für sie schreibt: Musik, die es noch nie zuvor gegeben hat und die noch nie jemand vor ihnen gehört hat. Das Folkwang-Kammerorchester hat sich die Kinderförderung zum Beispiel aufgegriffen und ist dort inzwischen in Essen sehr aktiv, auch mit uns zusammen.

Welche Musikrichtungen führen Sie auf? Wie kommt klassische Musik heute bei Kindern und Eltern an?

Wir führen klassische Musik auf, Mozart, Mendelssohn, aber auch zeitgenössische Komponisten. Die Musik kommt bei Kindern und Zuhörern sehr gut an, wenn man sie entsprechend darauf vorbereitet und einen Bezug schafft. Das versuche ich in meiner Arbeit. Aber, auch Weltmusiker und Jazzer sind bei uns zu Gast.

Die Umwelt wird permanent lauter, stressiger und überflutet mit Reizen. Viele Kinder und Erwachsene können gar nicht mehr zuhören und sich auf eine Sache konzentrieren. Wie gehen Sie mit diesen Gegebenheiten um? Kann Zuhören wieder neu gelernt werden?

Das ist in der Tat ein riesiges Problem, was aber gar nicht mal zuerst bei den Kindern liegt, sondern vielmehr in ihrer Umgebung, ihrem Umfeld oder Elternhaus. Wir erleben oft, dass nicht die Kinder unkonzentriert sind und nicht zuhören können, sondern dass es die Eltern sind. Da wird im Konzert hemmungslos laut gequatscht, wenn die Kinder vorn auf der Bühne sind und sich die größte Mühe geben! Aber immer wieder erlebe ich es, dass Eltern plötzlich „aufwachen“, berührt und überrascht sind, was ihre Kinder dort in den Konzerten zeigen und können! Da wussten die Eltern oft gar nicht, was in ihren Kindern steckt. Manchmal entwickeln alle da ganz neues Zutrauen in sich, zueinander und zu anderen über die Musik! In der Frühförderung besteht ja auch noch eine ganz andere Nähe zwischen Eltern und Kindern. Eltern sehen dann oft, wie froh das Kind aus der musikalischen Arbeit kommt. Die Ansprache an die Eltern gelingt dann oft über das positive Erleben des Kindes. 

Sie bauen mit Kindern Instrumente mit einfachen Materialien aus dem Baumarkt. Z.B. haben Sie kleine Panflöten gebaut. Warum? Heute ist man doch gewöhnt, alles schnell kaufen zu können…

Es geht um den Prozess des Selber-Bauens! Das ist das Wichtigste! Wir bauen Xylophone, Panflöten, Oboen aus Strohhalmen, jetzt arbeiten wir mit Orgelpfeifen…

Kürzlich haben Sie Orgelpfeifen erstanden und wollen nun ein Demonstrationsmodell der Orgel nachbauen. Was macht die Orgel für Sie spannend?

Um eine Orgel erfahrbar zu machen, kann ich gleich mehrere Kinder mit einbeziehen. Einige machen den Wind für die Pfeifen. Der wird über Ventile und Schläuche zu den Pfeifen geleitet. Alle Kinder müssen gut zusammenarbeiten, damit es genug Wind für einen Ton gibt. Und man kann mit Orgelpfeifen erste Artikulations-Übungen machen. Wir haben uns gerade die Orgel-Eulen ausgedacht. Jedes Kind bekommt eine Pfeife und soll ein „Hu-Huuu“ hervorbringen. Damit machen wir gleich ein „kurz-lang“ erfahrbar, also einen elementaren Rhythmus. Wie fühlt der sich an, wie muss man die Luft verteilen, mit wie viel Kraft pusten – schon ist der Bezug da. Da gibt es viele Techniken.

Was haben Sie von den Kindern gelernt?

Spontan zu reagieren! Das ist wohl die wichtigste Essenz in unserem Musik-Machen! Jeden Tag die Musik anders zu hören. Kein Konzert ist zwei Mal dasselbe, jeden Tag passiert etwas Neues. Musik ist ein Ausdrucks-Geschehen! Das ist es!

Herr Rietschel, ich danke Ihnen für das Gespräch!