WI OV JK ThBracht 13Interview-Reihe (Orgel-)Komponist der Region

»Komponieren ist nicht lern- und lehrbar«

Thomas Bracht über Musik und Stille
und das Besondere des Improvisierens

Der freischaffende Komponist Thomas Bracht hat Werke für Orgel sowie Bearbeitungen für dieses Instrument geschrieben. Mit ihm sprachen Anne Temmen-Bracht, freischaffende Pianistin und Organistin, und Johannes Kalsow, Fotograf und Designer.

WI OV JK ThBracht 11Herr Bracht, was fasziniert Sie als Komponist an der Orgel?
Also zunächst natürlich der große Klangreichtum. In der französischen Orgeltradition gibt es ja die Gattung der Orgelsinfonie, die im Gegensatz zur deutsch-österreichischen Orgelsonate steht. Eine Sinfonie ist meist für großes Orchester geschrieben, eine Orgelsinfonie behandelt die Orgel orchestral, das heißt die Orgel ahmt das Orchester nach. Da ich sehr gern für großes Orchester komponiere, fasziniert mich das natürlich enorm.

Wie sind Sie zur Orgel, zum eigenen Orgelspielen gekommen?
In meiner Kindheit habe ich Orgel im Gottesdienst gehört und mit acht Jahren den Klavierunterricht begonnen. Mit neun Jahren hatte ich meine erste Orgelstelle in einer kleinen Stadt im Sauerland.

Also Sie sind einfach hingegangen und haben einfach Orgel gespielt?
Ja, so ungefähr. Der Organist hat meine Faszination am Orgelklang bemerkt Im Gottesdienst saß ich neben dem Organisten auf der Orgelbank. Bei der Kommunion wollte er nach unten gehen, und so löste meine linke Hand schnell seine linke Hand ab, mein rechte griff in seine und ich spielte einfach weiter. Er ging zur Austeilung und niemand hat etwas bemerkt. Als er zurückkam, ging es rückläufig so. Und so kam es, dass ich immer öfter für ihn Dienst gemacht habe, später jeden Sonn- und Feiertag. Werktags ging es nicht wegen der Schule.

Haben Sie dann mal Pause von der Orgel gemacht?
1973 kam ich auf das Grabbe-Gymnasium in Detmold und wurde Jungstudent an der Hochschule, da hatte ich zu viel zu tun und es begann sozusagen eine orgellose Zeit. 1976 hatte ich eine Uraufführung eines Werkes mit Orgel, und ich habe mich sogar getraut, eine vierstimmige Fuge über „Christ ist erstanden“ zu improvisieren, aber dann war erst mal Schluss. 2004 habe ich mal eine Vertretung in Münster übernommen, seitdem spiele ich wieder Orgel.

WI OV JK ThBracht 05Haben Ihre Orgel-Improvisationen etwas mit Ihren Orgel-Kompositionen zu tun - in der Art der Herangehensweise oder in der Klang- und Tonsprache?
Der Umgang mit der Dimension der Zeit ist anders. Improvisation ähnelt für mich eher einer Art Gebrauchsmusik, die ich im Gottesdienst anwende. Bei Impro ist der Umgang mit der Zeit eher spontaner, kleingliedriger. Eine Komposition kann ja bis zu 30 Minuten oder länger dauern, das lege ich ganz anders an, strukturiere es anders, benutze andere Zeitperspektiven. Man kann Großformen nicht so angehen wie in der Komposition. Eine Komposition ist für mich ganz anders durchstrukturiert, ich habe die Möglichkeit, in verschiedenen Zeitformen zu leben.

Und ist z.B. an Ihrer Klang- und Tonsprache erkennbar, dass Sie es sind, wenn man jetzt eine Impro und eine Komposition nebeneinander hören würde?
(zögert) Das kann ich weniger beurteilen als andere.

Inwieweit spielen für Sie bei (Orgel-)Musik und Stille auch die besondere Akustik und Atmosphäre einer Kirche eine Rolle?
In „meiner“ Kirche ist nur eine kleine, einmanualige Orgel und so gut wie kein Hall. Natürlich würde es eine große Rolle spielen in einem anderen Kirchenraum.

Sie sind von Haus aus studierter Pianist, komponieren aber für die Orgel so technisch anspruchsvolle Werke wie „Laudes“. Können Sie diese Stücke dann zwangsläufig selber auf Orgel spielen, weil Sie es doch selber geschrieben haben?
(lacht) Nein, „Laudes“ kann ich nicht selber spielen, das ist wirklich sehr schwer! Komponieren heißt nicht, das Stück selbst spielen zu können. Ich habe auch ein Saxophonkonzert geschrieben und kann daher leider nicht Saxophon spielen. Ich finde auch nicht, dass ein Komponist nicht zwangsläufig der beste Interpret seiner eigenen Werke sein muss. An diese „Authentizität“ glaube ich nicht. Als Komponist ist man vielleicht sogar viel zu dicht an etwas dran. Als Komponist habe ich etwas auf die Welt gebracht und – im umfassenden Sinn – beendet. Dann möchte ich mir manchmal nicht als Interpret einen neuen Zugang dazu verschaffen. Ich vertraue auch sehr darauf, dass ein Notentext ein Eigenleben entwickelt. Ich schreibe Noten, und ich möchte, dass andere ihre eigene Welt in diesen Noten entdecken. Dem Interpreten ist es dann aufgegeben, einen Sinn zu finden – sogar einen Sinn, der nur er selbst zu finden vermag. Da wird es dann erst richtig interessant. Wie zum Beispiel ein Dirigent in einer Orchesterpartitur von mir etwas entdeckt, was ich gar nicht selbst gesehen habe, vielleicht nicht sehen konnte. Ein Notentext ist noch keine Musik. Die Notenschrift vermag weniger, als man glaubt. Von Klanglichem hat sie keine Ahnung, von Zeitlichem gibt sie vor, alles zu wissen. Welch ein Trug!

WI OV JK ThBracht 30Sind Sie schon mal böse reingefallen, dass ein Interpret Ihrer Werke irgendwas gemacht hat, was Sie absolut nicht gewünscht oder gedacht hätten?
Ja, das ist wohl wahr! Aber das lag an anderen Dingen. Dass zum Beispiel, was das Schlagzeug betrifft, ein bestimmtes Instrumentarium nicht zur Verfügung stand. Es wurde der Vorschlag gemacht, Röhrenglocken durch Vibraphon zu ersetzen – und das, wo schon Vibraphon besetzt war! Also, das kann man nicht machen! Auf diesem Niveau ist natürlich ein Scheitern möglich. Was aber ansonsten in der Partitur steht, und sei es so genau wie möglich, kann nie verstanden werden, wenn ein Sinn nicht verstanden ist. Was genau ist „mezzoforte“, was ist „allegro“, was bedeutet ein Akzent? Mein Lieblingsthema ist „Fermaten über Pausen“. Wie lang ist eine Fermate über einer Pause? Fermate besagt ja: ein Noten- oder Pausenwert kann das nicht wiedergeben. Ja, also: wie lang ist dann eine Fermate über einer Pause? Es kommt darauf an, was in dieser Pause geschieht! Und was da geschieht, hängt von vielen Faktoren ab. Es kommt darauf an, wie es klingt- auch (und gerade) in der Stille.

Woher beziehen Sie Ihre Inspiration?
Oh, das ist ein dankbares Thema. Das kann alles sein: ein Spaziergang in der Natur, Literatur, Malerei, Eindrücke, Befindlichkeiten aller möglichen Art, alles.

Ist Komposition dann auch für Sie eine Art „Hygienemaßnahme“, dass man etwas aus dem Kopf kriegt oder so?
Nein, gar nicht.

Von wem haben Sie Komponieren gelernt, wer waren Ihre Vorbilder?
Am meisten habe ich gelernt durch das Studium von Partituren großer Komponisten. Komponieren ist ja weder lern- noch lehrbar. Ich habe unglaublich viel gelernt über die Behandlung des großen Sinfonieorchesters von einem Dirigenten, Komponisten und Geiger, Enrique Fernandez Arbós. Er hat fünf Sätze aus „Iberia“ von Albeniz orchestriert hat, es ist unglaublich! Als 14jähriger habe ich mir die Partituren zur Ansicht kommen lassen, habe sie immer wieder genau studiert und habe alles, was es damals zu lernen galt, von diesem großartigen Orchestrator gelernt!

Also Sie haben einfach geschaut, wie der das macht?
Ja. Und mir ist nach wie vor rätselhaft, warum Arbós nicht genannt wird in einer Reihe von Komponisten wie Rimsky-Korsakoff, Ravel, Debussy, Respighi, Strauß Er ist einfach unbekannt und ich verstehe nicht, warum. Ich habe a l l e s gelernt von ihm!

Also eigentlich mehr als von Ihrem Kompositionslehrer?
Ja, sicher!

WI OV JK ThBracht 04Wer war das?
Ich habe studiert bei Giselher Klebe in Detmold. Aber unsere Zusammenarbeit war nie so, dass er zu mir gesagt hätte: „Machen Sie das so, oder machen Sie das anders“. Er hat niemals vermittelt, wie man komponiert! Klebe hat sowieso nur fertige Komponisten angenommen, also Komponisten, deren eigene Tonsprache bereits vollständig entwickelt war. Er hatte auch immer nur maximal 4 Studenten. Was ich von ihm zu hören bekam, wenn er sich meine Partituren so ansah, war höchstens ein: „ …ick wees ja nich…hör'n Sie sich das nochmal an“. Dann habe ich mich zuhause an den Schreibtisch gesetzt und gedacht: Ja, das braucht mehr Zeit (nie weniger Zeit, es brauchte eigentlich immer mehr Zeit).

Also hat er Sie eigentlich immer allein gelassen mit Ihren Sachen?
Ja sicher. Es geht nicht anders. Ja, und dann habe ich etwas geändert, Dinge brauchten wirklich mehr Zeit, das kam nicht klar hervor, die Entwicklung wurde nicht deutlich. Ich habe etwas geändert und eine Woche später schaute er es sich wieder an und sagte: „Juut! Jetz' is' juut!“

Sie sagten vorhin, Komponieren sei so nicht lern- und lehrbar. Kann man auch komponieren mit Kindern oder Jugendlichen, die ja meist noch keine besonderen Vorkenntnisse in Satzbau, Harmonielehre etc. haben, sondern allenfalls ein intuitives Verstehen von „das hört sich gut an und das nicht“?
Man muss natürlich fragen, was überhaupt unterrichtbar daran ist. Technik kann man unterrichten, Instrumentation, Inspiration wecken, klangliche Imagination in Bahnen zu lenken.

Also nach dem Motto „Wie kriege ich dies und das in die Orgel“?
Ja, genau: „Wie kriege ich dies und das in die Notenschrift“! Ein Klang muss irgendwie fixierbar sein. Die Frage ist, wie dieses für Kinder realisierbar ist. Kinder können Klang noch nicht in Noten schreiben. Ein Kind kann Symbole malen, der Lehrer muss das übersetzen in Noten. Das ist es, warum das oft nicht funktioniert. Die Lehrer scheitern daran.

Ab welchem Alter bieten Sie Komponieren mit Kindern oder Jugendlichen an?
Ab fünf Jahren.

Sie schreiben derzeit öfter Stücke für diverse Kinderprojekte, die u.a. in Essen-Philharmonie aufgeführt werden. Wie kommen die Stücke eines zeitgenössischen Komponisten bei Kindern und Jugendlichen an? Finden die Ihre Musik „cool“? Und wie finden sie Komponieren?
Man muss natürlich dabei die Tonsprache der Welt der Kinder anpassen, dann ist auch schnell die Entdeckerfreude geweckt. Die Kinder haben sogar die Melodien nachgepfiffen, noch Wochen nach dem Konzert.

Also ist das in der Art so etwas wie ein Kinderlied?
Ja, genau. Es muss sich den Kindern sofort erschließen. In den Konzerten haben die Kinder diese Lieder gesungen, nicht nur passiv zugehört. Für die Kinder stand erfreulicherweise die Melodie, das jeweilige Stück im Vordergrund, nicht der Komponist als Person.

Sie sind jemand, der die Stille nicht nur liebt, sondern lebensnotwendig braucht, und Sie leben auch sehr zurückgezogen. Inwieweit sind Stille und Musik generell für Sie zu vereinbaren?
Ohne Stille kann es Musik nicht geben! Stille wird defizitär erlebt, als Abwesenheit von etwas. Das Abwesende kann aber garantiert nichts Musikalisches sein. Das Akustisch-Wahrnehmbare in der Musik ist nichts weiter als eine physikalische Begleiterscheinung eines geistigen Ausdrucksgeschehens. Hören bedeutet ein Folgen dieses Ausdrucksgeschehens, welches geprägt ist von einer Aktivität in der Passivität und einer Passivität in der Aktivität. Einem Zen-Buddhisten würde das alles sehr bekannt vorkommen ...

WI OV JK ThBracht ATB2WI OV JK ThBracht 20Haben Sie beim Komponieren ein spezielles Notenbild vor Augen und müssen dann nur noch „abschreiben“, was Sie innerlich sehen oder hören oder ist das eher so eine Art Geschmack, Idee, der Sie nachgehen und die dann ausformuliert werden muss?
Letzteres. Das kann man auch an meinen Skizzen erkennen. Die Zeitebenen sind verschieden: die Zeit in der Komposition selbst und die Zeit beim Akt des Notenschreibens. Da ist eine Kluft. Lehrbar ist, eine Praktik des Notenschreibens zu entwickeln, die diese Kluft überwindet. Da muss jeder Schüler seine eigene Nomenklatur entwickeln.

Komponieren Sie eher direkt am Instrument oder mehr im Kopf?
Im Kopf. Im Kopf und am Schreibtisch, bei Papier und Bleistift und Radiergummi! Manchmal kontrolliere ich etwas am Klavier, aber ansonsten findet alles im Kopf und am Schreibtisch statt.

Herr Bracht, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.

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