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Orgelbauer - ein Beruf für Allrounder

zu Besuch in der Orgelbauwerkstatt der Firma Fleiter oHg von 1872, Münster Nienberge

Anne Temmen-Bracht, Projektleiterin des Orgelverbund Westfalen im Gespräch mit Stefan Linke, Orgelbaumeister und Mitinhaber der Firma Fleiter

Herr Linke, wie wird man heute Orgelbauer – mit viel Idealismus?

Ja, sozusagen. Wir Orgelbauer sind in erster Linie Handwerker, Tischler, Akustiker, Elektroniker, usw. Mit einer Tischler-Ausbildung kommt man hier schon sehr weit. Der Orgelbau gliedert sich "einfach" gesagt in zwei Teilbereiche: Tischlerarbeiten mit Gehäusebau und Technik und Intonationsarbeiten mit Stimmung.

Also kann man als Tischler auch Orgelbauer werden?

Ja. Ein Tischler kann seine Werkzeuge bedienen, genau Sägen, genaue Zeichnungen machen und Zeichnungen lesen. Als Tischler kann man dann noch umschulen zum Fachbereich Orgelbau. Da gibt es die Fachschule für Musikinstrumentenbau in Ludwigsburg, die Oscar Walker-Schule.

Was macht ein Orgelbauer genau? Welche Themen und Fachbereiche umfasst diese Arbeit?

Neben Restauration und Reinigung ist natürlich Orgelneubau bei uns ein Thema. In den vergangenen Jahren haben wir z.B. die Domorgel zu Billerbeck, Mettingen und Raesfeld neu gebaut. Die Orgel in Münster, St. Joseph ist auch von uns. Daneben existieren viele „alte“ Orgeln der Firma Fleiter, die gewartet werden müssen. Aber wir warten natürlich auch Orgeln von anderen Firmen.

Ist Schimmel auch ein Thema?

Natürlich! Das Nutzungsverhalten in den Kirchen hat sich oft verändert. Die meisten Kirchen heizen aus Kostengründen nicht mehr ausreichend oder weniger. Es wird sonntags vor dem Gottesdienst geheizt und sofort danach wieder die Temperatur runter gefahren. Innerhalb der Woche wird kaum geheizt, noch gelüftet. In den Orgeln kondensiert dann die Feuchtigkeit und dies kann zu einer Schimmelbildung führen. Mittlerweile sind wir schon in diesem Bereich Fachleute und können die Gemeinden entsprechend beraten.

Ist man als Orgelbauer auch Akustiker?

Ja, selbstverständlich. Das spielt immer eine Rolle. Jedes Instrument wird von uns individuell auf den Kirchenraum und die akustischen Erfordernisse angepasst.

Wie lange dauert die Ausbildung zum Orgelbauer?

Insgesamt dreieinhalb Jahre.

Können Sie, wo Sie so schöne Instrumente bauen und intonieren, auch selber Orgel spielen?

Nein, ich kann für unsere Bedürfnisse die Orgel, den Klang und die Register durchspielen und ausprobieren. Und wir können natürlich die Orgeln stimmen. Ich bin Handwerker und bin als Handwerker in meinem Bereich ein Profi. Der/die Organist/in haben größtenteils das Orgelspiel studiert und dass ist ihr Fachgebiet. Wir geben ihnen das Instrument an die Hand. Ich baue die Orgeln und andere spielen sie.

Sind überhaupt Organisten in Ihrem Fachbereich tätig?

Eher nicht. In diesem Werdegang ist man eher Techniker. Organisten müssten dann auch noch Handwerksgeschick haben und mit Säge und Zeichnung umgehen können...

Welche Materialien verwenden Sie?

Holz, Metall, Leder, Papier, Farben und Lacke oder Beizen, elektrische und mittlerweile elektronische Bauteile, Knochen, Filz, usw. Ein Orgelbauer muss ein Allrounder sein. Metalle schweißen und löten, Holzverarbeitung, usw. Wir haben hier bei uns im Betrieb verschiedene Räume. Hier ist die Holzverarbeitung, wo z.B. Windladen gebaut werden. Oben ist der Metall-Raum, da schweißen wir auch. Und dann haben wir einen Raum für Intonation.

Was für Hölzer verwenden Sie?

Eiche, Fichte, Schweizer Birnbaum. Alles erstklassige Hölzer, hier können Sie die Jahresringe des Baumes sehen!

Und woraus bestehen die Metallpfeifen genau? Sind das Legierungen?

Ja. Hier ist Zink, dann gibt es überwiegend Zinn-Blei-Legierungen und Kupfer. Kupfer ist sehr stabil. Sie finden es z.B. in spanischen Trompeten, die horizontal in den Raum hineinragen. Blei ist sehr weich. Sie können niemals eine reine Blei-Pfeife machen. Eine reine Blei-Pfeife würde einfach in sich zusammensacken, richtig zerfließen. Schon ein paar Prozent eines anderen Metalls beigemischt – und die Pfeife gewinnt Stabilität.

Wie lange dauert ein Orgel-Neubau?

Das ist unterschiedlich. Wenn Sie eine Orgel mit 30-40 Registern wollen, kann das ein Jahr oder länger dauern. Zuerst beginnen wir meistens mit den Windladen, so wie gerade, wir die Windladen für Ahaus fertigen. Wir planen in verschiedenen Bauabschnitte, zB. Windladen, Gehäuse, Windanlage und Technik.

Wie viele Leute arbeiten hier im Betrieb?

Wir sind derzeit insgesamt zwölf Leute.

Ihr persönlicher Orgel-Traum: was wäre das?

Eine große Orgel zu bauen, als Konzert-/ „Eventorgel“. So wie ich mir es vorstelle. Die Orgel ist das größte und schönste Musikinstrument der Welt. Sie deckt den kompletten Hörbereich ab. Eine große Orgel mit 32' Registern, wo der Zuhörer mitgenommen wird in die akustische Vielfalt der natürlichen Frequenzen. Wo alle Musikrichtungen zum Tragen kommen, von Rock Pop, Jazz, Blues, Klassik, Techno und modernes. Mit Lasershow, mit Licht arbeiten, Pyrotechnik,.... Die Zuhörer/ -Schauer sollten eine Gänsehaut bekommen. Erst die Orgel planen und dann das passende Gebäude dazu planen. Wo man zur Orgel blickt, das Instrument der Mittelpunkt ist. Also erst die Orgel und das Gebäude passt sich dann an und wäre auf die Orgel zugeschnitten...das wäre toll!

Herr Linke, herzlichen Dank für das Gespräch!